Mutismus Beratungs Zentrum (MBZ)

Klassifizierung

Selektiver Mutismus nach ICD 10 (Internationale Klassifizierung psychischer Störungen) F 94.0

(lat. mutus - stumm), Stummheit bei intakter Wahrnehmung, erhaltenem Sprachvermögen und intakten Sprechorganen; einhergehend mit Stupor - Sperrung des Antriebes. Ist das Sprechen gesperrt, spricht man von Mutismus. (Brunnhaber/Lieb:Psychiatrie 3. Auflage).

Selektiver  Mutismus  ist  eine auf  Angst basierende  psycho-soziale  Störung  und keine Behinderung. 
 

Diese Störung ist durch eine deutliche, emotional bedingte Selektivität des Sprechens charakterisiert. Die Sprachkompetenz wird in einigen Situationen gezeigt, in anderen definierten Situationen jedoch nicht. Meist tritt die Störung erstmals in der frühen Kindheit (durchschnittlich 3./4. Lebensjahr) auf. Meist ist der Mutismus mit deutlichen Persönlichkeitsbesonderheiten wie Sozialangst, Rückzug, Empfindsamkeit oder oppositionellem Verhalten (Widerstand) verbunden. Typischerweise wird zu Hause oder im engen Freundeskreis gesprochen, jedoch nicht im Kindergarten, Schule oder vor Fremden. Es können aber auch andere Muster auftreten.

Die Störung beruht nicht auf fehlenden Kenntnissen und Kompetenzen der gesprochenen Sprache, die in der sozialen Situation benötigt wird. Es handelt sich somit nicht um eine Sprachstörung. Eine rein logopädisch/sprachtherapeutische Behandlung ist daher unzureichen (Prof. Dr. Doepfner, Uni Köln, u.a. tätig in der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaft AWMF). Ein geringer Teil der mutistischen Kinder hat Sprach- und/oder Sprechprobleme. Diese können die Angst vor dem Sprechen verstärken, doch zuerst muß die Angst vor dem Sprechen gelöst werden, um anschließend die Sprachprobleme therapieren zu können (Hierarchie der Symptome).

In der Mehrzahl betrifft dieses Phänomen Mädchen (ein Verhältnis  ca. 1.6/2 : 1 (vergl. Bahr 1998 S. 40).

Zeigt sich innerhalb einer Zeitspanne von 4 - 6 Wochen keine Lösung des mutistischen Verhaltens, besteht nach Aussage der WHO (Weltgesundheitsorganisation) dringender Handlungsbedarf. Zwischen Erkennen der psychischen Störung und Therapiebeginn vergehen jedoch in der Praxis häufig bis zu 5  Jahre (Prof. Steinhauser Uni-Zürich)!

Ausschlußdiagnosen: umschriebene Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache, Autismus, schizophrene Störung,


Weitere Klassifizierungen:

Totaler Mutismus

Beim totalen Mutismus fehlen sämtliche phonischen Leistungen wie z.B. Husten, Weinen, Lachen etc- und natürlich das Sprechen. Ein totaler Mutismus kann aus einem selektiven Mutismus resultieren oder durch ein traumatisches Ereignis evoziert worden sein. Teilweise ist der totale Mutismus nur aus dem Vergleich mit dem früheren Kommunikationsverhalten diagnostizierbar. Ein totaler Mutismus findet sich selten bei Kindern, meist bei Jugendlichen und/oder Erwachsenen.

Reaktiver Mutismus

Reaktion auf ein bzw. mehrere traumatische Ereignisse, wie z.B. Verletzungen im Mund- und Rachenraum (Operationen), Ernährungssonde z.B. bei Frühgeburten. Diese Form des Mutismus geht meist mit weiteren Symptomen einher.

Passiv-aggressiver Mutismus

Symbiotischer Mutismus

Sprechphobischer-Mutismus

Leitsymptome:

Betroffene Kinder zeigen häufig eine stark depressive und ängstliche Gemutsverfassung. Ferner werden schwere seelische Hemmungserscheinungen wie Minder-wertigskeitsgefühle, Verschlossenheit, Scheu und Unsicherheit sowie extreme Sensibilität und Verletzlichkeit beobachtet. Dem gegenüber finden wir jedoch auch einige Charakterzüge, welche durchaus auf eine enorme Willensstärke schließen lassen. Diese zeigen sich in Hartnäckigkeit und Eigensinn, stark ausgeprägter Trotz (ca. 19%), die Durchhaltekraft nicht zu sprechen. Auch läßt sich häufig ein negativistisches und ablehnendes Verhalten wahrnehmen. Hinsichtlich der Reaktion auf unliebsame Anforderungen oder Situationen können zwei unterschiedliche Verhaltensweisen beobachtet werden: zurückziehen und resignieren (ca. 63%), aber auch heftige Zornesausbrüche (meist im häuslichen Umfeld), wildes aggressives Verhalten (ca. 28%).

Psychosomatische Reaktionen können u.a. sein:

Enuresis nocturna (Einnässen nachts)                              ca. 31 %

Enkopresis (Einkoten)                                                       ca.   6 %

zwanghafte Handlungen und/oder Tics                             ca. 22 %

Daumenlutschen, Haareraufen oder ähnl.                         ca. 41 %