Mutismus Beratungs Zentrum (MBZ)

Im Vergleich zu den Vorjahren erleben wir z.Zt. in den Beratungsgesprächen verstärkt die Frage nach SSRI/Antidepressiva. Aus diesem Grunde stellen wir Ihnen klärende und hilfreiche Informationen zur Verfügung. Nach unserem Wissensstand gibt es keine wissenschaftliche Forschung zu Antidepressiva/SSRI und selektiven Mutismus in Deutschland.


EMEA warnt vor SSRI/NaRI bei Kinder und Jugendlichen

"Die europäische Zulassungsbehörde EMEA (European Medicines Agency) hat die Bewertung zu Antidepressiva aus der Gruppe der Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme Inhibitoren (kurz SSRI genannt) und der Noradrenalin-Wiederaufnahme Inhibitoren (NaRI) abgeschlossen.

Die EMEA empfiehlt den Zulassungsbehörden der Mitgliedsländer stärkere Warnhinweise beim Einsatz dieser Medikamente bei Kinder und Jugendlichen zu veranlassen.
Die EMEA empfiehlt jetzt, dass detailliert auf das mögliche Risiko von Suizidversuchen  (Selbstmordversuche) oder -gedanken oder feindlichem Verhalten (Aggression, oppositionelles Verhalten oder Wut) hingewiesen wird. Die deutschen Fachinformationen haben derzeit in der Regel den Hinweis, dass der Einsatz mangels klinischer Erfahrungen unterbleiben sollte. Die Hinweise sollen in den Fachinformationen zu Medikamenten mit den Wirkstoffen Italopram, Escitalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Mianserin, Milnacipran, Mirtazapin, Paroxetin, Reboxetin, Sertralin und Venlafaxin erscheinen.


FDA (The Food and Drug Administration) - Warnung 2003: Berichte über Suizidalität bei Kindern, die mit Antidepressiva wegen schwerer Depression behandelt werden.

FDA aus USA macht auf die Fallberichte über die Suizidalität bei Kindern, die mit Antidrepressiva wegen schwerer Depression behandelt werden, aufmerksam,. Während Suizidalität bei Patienten mit schweren Depressionen nicht selten vorkommt, haben sich Fallberichte über Suizidalität bei Kindern unter Antidepressiva, im Vergleich zur Plazebobehandlung in der gleichen Patientengruppe, vermehrt.


Auszug aus einem Interview mit Prof. Dr. Hegerl, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Leipzig 2008

Süddeutsche.de: Auf der anderen Seite sind die Mittel aber stark in die Kritik gekommen, weil sie unter Kinder und Jugendlichen das Selbstmordrisiko erhöhen soll.

Hegerl: In Studien mit Kindern und Jugendlichen wurde festgestellt, dass es während der Behandlung mit Antidepressiva zu mehr Suizidgedanken und zu selbstschädigendem Verhalten gekommen war. Tatsächlich umgebracht hatte sich kein einziger der Studienteilnehmer. Es wurde natürlich zu Recht darauf hingewiesen, dass man bei Kindern und Jugendlichen vorsichtig sein muss. Die Wirksamkeit der Mittel ist bei Kindern und Jugendlichen außer für Fluoxetin (Prozac) auch nicht belegt. Aber nach den Berichten über die Studie waren Hausärzte und Eltern verunsichert. Die Verschreibungen gingen in den USA um mehr als 20 Prozent zurück. Und danach kam es in der betroffenen Altersgruppe erstmals seit vielen Jahren zu einem steilen Anstieg der Selbstmordrate.


Wissenswertes:
Serotonin ist ein Botenstoff, wirksam u.a. im Gehirn (Neurotransmitter). Es wird  auch als "Glückshormon" bezeichnet, da es bei guter körperlicher und seelischer Verfassung vermehrt vorkommt, bzw. bei depressiver Verstimmung eine niedrigere Konzentration gemessen wird. Eine Steigerung des Serotoninspiegels führt zu Stimmungsaufhellung. Seine Wirkung entfaltet das Serotonin maßgeblich im synaptischen Spalt, also im Übergangsraum von Nervenzelle zu Nervenzelle.

Die Serotoninwiederaufnahmehemmer sollen verhindern, dass Serotonin aus dem Spalt wieder in die Zellen aufgenommen wird. Hierdurch wird der ursprüngliche Mangel nicht behoben. Eventuell fehlt dem Körper dadurch sogar der Impuls Serotonin zu bilden. Reduziert sich der Impuls und wird das Mittel abgesetzt ist es denkbar, dass sich die psychische Verstimmung stärker zeigt (wie oben beschrieben). Daher ist die Behandlung von SSRI meist auf längere Zeit ausgerichtet, denn, so schreibt das klinische Wörterbuch Pschyrembel zu SSRI: "Wirkungseintritt erst nach mehreren Wochen."

Welche Langzeitwirkung SSRI auf die seelische und körperliche Entwicklung von Kindern bewirkt, ist nicht einzuschätzen.


Süddeutsche Zeitung vom 21. August 2008 "Kinder als Versuchskaninchen"

"... Arzneimittel müssen vor der Marktzulassung egal in welchem Land auch an Menschen getestet werden. Medikamente an Kindern zu testen, ist für die Pharmaindustrie allerdings noch relativ ungewohnt. Es ist noch nicht lange her, dass selbst Säuglinge wie Erwachsene behandelt wurden und nur weniger Wirkstoff verabreicht bekamen. Die Erkenntnis, dass Patienten im Baby-Alter mitunter ganz andere Medikamente benötigen, eröffnete den Pharmaherstellern einen neuen Markt, zwang sie aber auch zu Tests an Kindern. Weil sich aber in den Industrieländern kaum Eltern finden lassen, die bereit sind, ihre Kinder für solche Versuche zur Verfügung zu stellen, weichen die Konzerne in ärmere Länder aus...."